Der Alte Peter ist wieder da! – Wie München sein Wahrzeichen zurückbekam

Zum 75. Jahrestag der Vollendung des Turms von St. Peter am 28. Oktober 1951

Als am 28. Oktober 1951 der wiederaufgebaute Turm von St. Peter seiner Bestimmung übergeben wurde, war das für München weit mehr als der Abschluss einer wichtigen Bauarbeit. Für viele Münchner*innen war es ein Zeichen der Hoffnung, des Neubeginns und der Rückkehr eines vertrauten Stücks Heimat. Denn mit dem Alten Peter bekam die schwer vom Krieg gezeichnete Stadt eines ihrer bekanntesten Wahrzeichen zurück.

Ein Wahrzeichen in Trümmern

Wer heute vom Marienplatz zum Alten Peter blickt, kann sich kaum vorstellen, wie dieser Teil Münchens nach dem Zweiten Weltkrieg aussah. Große Teile der Altstadt lagen in Trümmern. Auch St. Peter, die älteste Pfarrkirche Münchens, war schwer zerstört worden. Der vertraute Kirchturm, der seit Jahrhunderten das Stadtbild prägte, war schwer beschädigt.

Für die Münchner Bevölkerung war das besonders schmerzlich. Der Alte Peter war schließlich nicht irgendein Bauwerk. Er gehörte zu München wie die Frauenkirche, das Rathaus und der Marienplatz. Sein Turm war weithin sichtbar und bot den Menschen Orientierung. Von seiner Aussichtsplattform aus ließ sich die Stadt überblicken. Und wer von einem Ausflug zurückkam und die vertrauten Türme Münchens am Horizont entdeckte, wusste: Jetzt bin ich bald wieder daheim. Und noch wichtiger: bis ins 20. Jh. hatte der Türmer, auch Brandwächter genannt, in der Turmstube von St. Peter seinen Platz, um mit Argusaugen über der Stadt mögliche Brände und Gefahren auszuspähen.

Die Zerstörung von St. Peter bedeutete deshalb mehr als den Verlust eines historischen Gebäudes. Mit der Kirche war auch ein Stück des vertrauten Münchner Stadtbildes verloren gegangen.

Warum baute man den Alten Peter wieder auf?

Nach Kriegsende stand München vor gewaltigen Aufgaben. Wohnungen fehlten, Straßen mussten geräumt, Schulen und öffentliche Einrichtungen wiederhergestellt werden. Angesichts dieser Not stellte sich auch die Frage, welche historischen Gebäude wiederaufgebaut werden sollten.

Warum also ausgerechnet eine schwer zerstörte Kirche?

Die Antwort liegt in der besonderen Bedeutung, die St. Peter für die Menschen hatte. Die Münchner wollten nicht nur wieder ein Dach über dem Kopf haben. Sie wollten auch ihre Stadt wiedererkennen. Vertraute Gebäude und Plätze gaben ihnen Halt in einer Zeit, in der so vieles verloren gegangen war.

Der Alte Peter erinnerte an das München vor dem Krieg, an die Geschichte der Stadt und an persönliche Erlebnisse.

Deshalb war der Wiederaufbau nicht allein eine Angelegenheit der katholischen Kirche. Er wurde zu einem Anliegen vieler Münchner*innen. Geistliche, Fachleute und engagierte Bürger*innen setzten sich für die Wiederherstellung ein.

Der Alte Peter sollte wiederaufgebaut werden, weil München damit nicht nur eine Kirche, sondern ein Stück seiner eigenen Geschichte zurückbekommen hat.

Ein Münchner Wahrzeichen wird gerettet

Dabei war keineswegs selbstverständlich, dass St. Peter wiederaufgebaut werden würde. Nach den schweren Bombenschäden von 1944 und 1945 galt die Kirche zeitweise als kaum noch zu retten. Sogar ihr Abbruch war geplant.

Dass es anders kam, ist vor allem dem Einsatz der Stadtpfarrer Max Stritter (1889-1949) und Max Zistl (1904-1983), der Unterstützung durch Kardinal Michael von Faulhaber (1869-1952) und der großen Spendenbereitschaft der Bevölkerung zu verdanken. Auch Dombaumeister Theo Brannekämper (1900-1989) spielte bei der Rettung und Wiederherstellung eine wichtige Rolle.

1946 begannen erste Arbeiten. Doch das Geld war knapp. Am 28. Oktober 1950 gründete sich deshalb der „Wiederaufbauverein Alter Peter“. Eine treibende Kraft war Felix Buttersack (1900-1986), Chefredakteur des Münchner Merkur. Mit öffentlichen Aufrufen und Spendenaktionen warb der Verein für die Wiederherstellung des Turms. Unterstützung kam nicht nur aus München, sondern auch aus dem Ausland, unter anderem aus den USA.

So wurde der Wiederaufbau zu einer gemeinsamen Aufgabe, die Menschen über konfessionelle und politische Grenzen hinweg verband.

Wiederaufbau der Turmspitze der Pfarrkirche St. Peter Fotograf: Johann Meyer, 11.09.1951, DE-1992-FS-STB-6072
Wiederaufbau der Turmspitze der Pfarrkirche St. Peter
Fotograf: Johann Meyer, 11.09.1951, DE-1992-FS-STB-6072

Bereits am 31. März 1951 konnte das Richtfest des Turms gefeiert werden. Am 8. September wurde das neue Turmkreuz geweiht. Schließlich war am Sonntag, dem 28. Oktober 1951, dem damaligen Christkönigsfest, der große Tag gekommen: Der wiederhergestellte Turm wurde feierlich übergeben.

„Solang der Alte Peter …“ – als München ein Ton fehlte

Wie eng die Münchner mit ihrem Alten Peter verbunden waren, zeigt eine Geschichte aus der Nachkriegszeit.

Seit 1948 verwendete Radio München die Melodie des bekannten Liedes „Solang der Alte Peter“ als Pausenzeichen. Später übernahm der Bayerische Rundfunk die Melodie – allerdings fehlte der letzte Ton.

Das war kein Versehen. Der fehlende Ton sollte an den zerstörten Alten Peter erinnern. Solange der Turm nicht wiederhergestellt war, blieb auch die Melodie unvollständig.

Als der Turm im Oktober 1951 fertiggestellt war, erklang das Pausenzeichen wieder vollständig.

Eine kleine musikalische Geste, die viel über die damalige Stimmung erzählt: Solange der Alte Peter nicht wieder ganz war, fehlte auch München etwas.

Die Münchner hatten ihr Wahrzeichen zurück.

Eine Gedenktafel am Alten Peter erinnert noch heute an die Menschen, die diesen Wiederaufbau möglich gemacht haben. Sie nennt neben dem Stadtpfarrer Max Zistl und Felix Buttersack auch den Münchner Oberbürgermeister Thomas Wimmer (1887-1964), Ministerpräsident Hans Ehard (1887-1980) und Vertreter der amerikanischen Besatzungsmacht.

Gedenktafel zum Wiederaufbau des Turms von St. Peter (Foto: Christian Freundorfer)
Gedenktafel zum Wiederaufbau des Turms von St. Peter (Foto: Christian Freundorfer)

Die Tafel macht deutlich, dass es sich um ein gemeinsames Werk handelte, getragen von der Opferbereitschaft der Münchner Bevölkerung und von Freunden im In- und Ausland.

Allerdings war damit noch nicht die gesamte Kirche fertiggestellt. Der Wiederaufbau ging weiter. Am 27. Juni 1954 konnte Kardinal Joseph Wendel den wiederhergestellten Hochaltar weihen. Die Arbeiten an der Innenausstattung und den Fresken dauerten noch Jahrzehnte. Erst im Jahr 2000 wurde das letzte Deckenfresko fertiggestellt.

Mehr als Steine und Mauern: Der Wiederaufbau einer Stadt

Die Wiederherstellung von St. Peter zeigt besonders eindrucksvoll, worum es beim Wiederaufbau Münchens nach 1945 ging.

Natürlich mussten zunächst Wohnungen, Straßen, Schulen und öffentliche Einrichtungen wiederhergestellt werden. Doch die Menschen wollten nicht nur ihre Stadt wieder bewohnbar machen. Sie wollten auch etwas von dem München zurückgewinnen, das sie kannten.

Dabei spielte die historische Altstadt eine besondere Rolle. Ihre Kirchen, Türme, Plätze und Straßen prägten seit Jahrhunderten das Bild Münchens.

Blick von der Heilig-Geist-Kirche nach Westen Fotograf: unbekannt 1935, DE-1992-PK-STB-08267
Blick von der Heilig-Geist-Kirche nach Westen
Fotograf: unbekannt 1935, DE-1992-PK-STB-08267

Der Wiederaufbau des Alten Peter war deshalb auch eine bewusste Entscheidung: München sollte trotz aller Zerstörungen seine Geschichte und sein vertrautes Gesicht nicht verlieren.

Für viele Menschen war der Turm ein sichtbares Zeichen dafür, dass es weiterging. Dass nicht alles verloren war. Und dass aus den Trümmern wieder eine lebenswerte Stadt entstehen konnte.

Der Wiederaufbau des Alten Peter war damit nicht nur eine bauliche Leistung, sondern auch ein Stück seelischer Wiederaufbau.

Eine Kirche für ganz München

Interessant ist auch, dass St. Peter gerade in der Nachkriegszeit eine neue Rolle erhielt.

Die Münchner Innenstadt veränderte sich. Immer weniger Menschen wohnten unmittelbar rund um die Kirche. Geschäfte, Büros und andere Nutzungen verdrängten zunehmend die Wohnungen. Damit nahm auch die Zahl der Menschen ab, die unmittelbar zur Pfarrei gehörten.

Gleichzeitig kamen viele Gläubige aus anderen Stadtteilen zum Gottesdienst nach St. Peter. Auch kirchliche Feste, Prozessionen, Bruderschaften und alte Münchner Traditionen fanden hier weiterhin ihren Platz.

Aus der ursprünglichen Stadtpfarrkirche wurde so immer stärker eine Kirche für Menschen aus ganz München.

Der Alte Peter war damit nicht nur ein religiöser Ort. Er war ein Treffpunkt, ein Ort gemeinsamer Erinnerungen und ein Stück gelebter Münchner Geschichte.

Gerade nach dem Krieg war das wichtig. In einer Stadt, in der sich so vieles verändert hatte, boten vertraute Orte und Bräuche ein Gefühl von Beständigkeit.

Und was bedeutet der Alte Peter heute?

75 Jahre nach der feierlichen Übergabe des wiederaufgebauten Turms hat sich München erneut stark verändert.

Heute leben Menschen aus vielen Ländern, Kulturen und Religionen in der Stadt. Die Bindung an die Kirchen ist längst nicht mehr so selbstverständlich wie in der Nachkriegszeit.

Und doch hat der Alte Peter nichts von seiner Bedeutung als Münchner Wahrzeichen verloren.

Sein Turm gehört noch immer zu den vertrautesten Bildern der Stadt. Er ist ein Orientierungspunkt für Einheimische und Gäste. Er erinnert an die Anfänge Münchens, an die Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs und an den gemeinsamen Willen, die Stadt wiederaufzubauen.

Obstverkäuferin auf dem Viktualienmarkt mit Kundinnen, im Hintergrund St. Peter Fotografin: Erika Groth-Schmachtenberger, ca. 1960, DE-1992-FS-NL-GRO-114-150
Obstverkäuferin auf dem Viktualienmarkt mit Kundinnen, im Hintergrund St. Peter
Fotografin: Erika Groth-Schmachtenberger, ca. 1960, DE-1992-FS-NL-GRO-114-150

Gerade in einer wachsenden und sich ständig verändernden Stadt sind solche Orte wichtig. Sie verbinden Generationen und erzählen Geschichten, die sonst leicht in Vergessenheit geraten.

Der Alte Peter gehört deshalb nicht nur den Menschen, die dort Gottesdienste besuchen. Als historisches Wahrzeichen gehört er zur Geschichte und zum Selbstverständnis der ganzen Stadtgesellschaft.

Ein Stück Heimat, das geblieben ist

Der 28. Oktober 1951 war ein besonderer Tag in der Geschichte Münchens. Mit der Vollendung des Petersturms kehrte ein Wahrzeichen zurück, das viele Menschen bereits verloren geglaubt hatten.

Die Münchner*innen hatten gezeigt, dass ihnen ihre Stadt und deren Geschichte am Herzen lagen. Sie wollten nicht nur das Zerstörte beseitigen, sondern auch das Vertraute bewahren.

Vielleicht liegt darin die wichtigste Botschaft dieses Wiederaufbaus, die bis heute gilt: Eine Stadt besteht nicht nur aus Häusern, Straßen und Plätzen. Sie lebt auch von den Erinnerungen und Gefühlen, die Menschen mit ihr verbinden.

Als der Alte Peter 1951 wieder über die Dächer Münchens ragte, war damit nicht nur ein Kirchturm wiederhergestellt. Viele Münchner*innen erkannten jetzt ihre Stadt wieder ein Stück mehr.

Auch das Bayerische Fernsehen widmet sich diesem besonderen Jubiläum: Bereits am 28. Oktober berichtete die Abendschau – Der Süden über den Alten Peter: Hier geht’s zum Beitrag!

Literatur u.a.:
– Bauer, Richard (Hg.) , Geschichte der Stadt München, München 1992.
– Haidn, Johannes Alex., Jung, Herbert (Hrsg.), München – St. Peter. Stadt- und Kirchengeschichte(n) von den Anfängen bis zur Gegenwart (Aus dem Pfarrarchiv von St. Peter in München, 12) München 2008.
– Kindelbacher, Robert (Hg.), Stadtpfarrer Max Stritter. Katastrophe und Untergang der Peterskirche 1944/1945 (Aus dem Pfarrarchiv von St. Peter in München, 2) München 1989.

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