Kurz vor ihrem 132. Geburtstag übergab Gerhard Hafenbrädl, der Großneffe der ehemaligen Stadträtin Centa Hafenbrädl, dem Stadtarchiv München deren Nachlass. Der Leiter des Stadtarchivs, Dr. Daniel Baumann, bedankt sich herzlich bei ihm für sein Vertrauen und die bereits geleistete Arbeit bei der Sichtung und Sortierung des Nachlasses. Der Nachlass umfasst neben persönlichen Zeugnissen auch viele Unterlagen zu ihrer politischen Laufbahn, die für die Erforschung der Nachkriegsgeschichte von großer Bedeutung sind. Doch wer war nun Centa Hafenbrädl?

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Frühes Leben und Ausbildung
Centa Hafenbrädl erblickte am 3. Mai 1894 in Übersee am Chiemsee als zweites Kind des Schneidermeisters Franz Xaver Hafenbrädl und seiner Frau Maria, geb. Damberger, das Licht der Welt. Sie hatte eine ältere Schwester Maria, die 1893 geboren wurde, und zwei jüngere Brüder, welche aber beide schon im Kindesalter verstarben. Die Familie zog 1896 nach München, wo der Vater als städtischer Laternenwärter eine Anstellung fand. Um das Familienbudget aufzubessern, war er auch immer wieder als Schneider tätig.1 Centa absolvierte zunächst die Volksschule und die Handelsschule. Danach war sie in kaufmännischen Berufen in München tätig.
Vom Oktober 1917 bis April 1919 besuchte sie die „Soziale und Caritative Frauenschule des kath. Frauenbundes in Bayern“ in der Theresienstraße 25. Diese von der späteren Landtagsabgeordneten Ellen Amman (1870-1933) im Jahr 1909 gegründete Schule ist eine von mehreren Ausbildungsstätten, aus der 1970 die Katholische Stiftungshochschule entstand. Nach dem erfolgreichen Abschluss, ihre Schulzensuren waren durchwegs sehr gut bis gut, war Centa Hafenbrädl 1919 bis 1920 Bezirkssekretärin an der „Sozialen Hochschule Leohaus“ in der Münchner Pestalozzistraße und 1920 bis 1921 Chefsekretärin bei der HANSA-Bank in der Herzogspitalstraße. Im August 1921 wechselte sie in staatliche Dienste, indem sie Referentin für Frauenarbeit für Nordbayern mit Sitz in Nürnberg am Ministerium für Soziale Fürsorge in Bayern wurde. Für diese Aufgabe, wie sie 1946 selbst niederschrieb, fühlte sie sich aber noch zu jung. So ging sie ein Jahr später wieder zurück zur HANSA-Bank, in deren Anstellung sie bis Herbst 1924 blieb.2 Im Anschluss daran war sie bis Dezember 1930 Prokuristin bei Siemer & Co, München, einem Spezialreisebüro für Gesellschafts- und Akkordreisen, beschäftigt. Es war ihr eigener Wunsch auch die „nördlichen Teile Deutschlands“ kennenzulernen und so führte sie ihr Weg 1931 nach Düsseldorf, um die Leitung des dortigen Reisebüros „Mittag“ mit zehn Filialen zu übernehmen.
Politische Laufbahn und sozialer Einsatz
1943 fiel ihre dortige Wohnung und das Geschäft den Bomben zum Opfer und so kam sie nach München zurück. Hier fand sie beim amtlichen bayerischen Reisebüro Arbeit bis sie im Februar 1945 beim Städtischen Kriegsschadensamt dienstverpflichtet wurde. Im Oktober 1945 wechselte sie zum Wohlfahrtsamt und übernahm schließlich im April 1946 die Leitung der Münchner Nothilfe. Im Juli 1947 schied sie auf eigenen Wunsch aus der Stadt München aus. Mittlerweile in den Stadtrat gewählt, wollte sie nämlich beruflich wieder im Reisebereich arbeiten. So gründete sie mit dem Inhaber des Düsseldorfer Handelsblattes, Karl Kemperdick, das „Progreß-Reisebüro“ in München als dessen Teilhaberin. Ebenso war sie Teilhaberin des Düsseldorfer Handelsblattes an der Zweigstelle München.
Bereits im Oktober 1945 trat Centa Hafenbrädl der CSU bei und kandidierte sogleich bei der Stadtratswahl 1946 für ihre Partei auf Listenplatz 24 für den Münchner Stadtrat. Zum Zug kam sie allerdings erst im November 1947, als sie für Zita Zehner (1900-1978) nachrückte, die in den Bayerischen Landtag gewechselt war. Insgesamt fünf Mal sollte sie in den Stadtrat gewählt werden, wo sie unter anderem als Koreferentin im Sozialreferat und später im Personalreferat wirkte.3

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Die Linderung der Not der Bevölkerung nach dem Zweiten Weltkrieg lag ihr besonders am Herzen. So engagierte sie sich unter anderem für das ihr als Verwaltungsrätin zugewiesene Altenheim Heilig Geist am Dom-Pedro-Platz und für die Jugend in den verschiedenen Ausschüssen. Die große Motivation hierfür war der christliche Glaube und ihre enge Bindung an die katholische Kirche, deren Soziallehre sich nach dem Krieg mit dem Jesuiten Oswald von Nell-Breuning (1890-1991) neu formierte. Zudem war sie stellvertretende Vorsitzende des Caritasverbandes der Erzdiözese München und Freising.

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Herausforderungen und Kontroversen
Mehrmals war sie aufgrund ihrer katholischen Einstellung ins Visier des Magazins „Der Spiegel“ geraten. Einmal war es ihr vehementes Einschreiten gegen den Dirnenstrich im Bahnhofsviertel. Ein andermal war es ihre Einstellung Trambahnschaffnerinnen gegenüber, deren Einsatz sie kategorisch ablehnte, da diese mit den Männern kokettieren würden. Wieder ein andermal war ihr Widerstand gegen eine Straßenbenennung nach Kurt Eisner aufgrund ihrer Erfahrungen in der Revolution 1919 dem Spiegel ein Artikel wert.

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Nick Knatterton und Centa Hafenbrädl – Kombiniere
Europaweit schaffte es München dann aber mit Centa Hafenbrädl im Frühsommer 1955 in die Schlagzeilen der internationalen Presse.4 Die Bäderbetriebe der Stadtwerke München hatten eine Werbekampagne auf den Rückseiten der Straßenbahnfahrscheine gestartet. Dafür konnten sie den für die Zeitschrift „Quick“ tätigen Manfred Schmidt gewinnen, der sich selbst als „Edelkommunisten“ bezeichnete. Schmidt war mit seiner Comicfigur, dem Meisterdetektiv Nick Knatterton, seit Anfang der 50iger recht bekannt. Die nach Ansicht konservativer Kreise doch recht freizügigen Zeichnungen, setzten nach Meinung vieler Münchner*innen die Bäderbetriebe mit Bordellen gleich.5

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Centa Hafenbrädl war damals zwar nicht die einzige, aber sie war eine sehr gewichtige Stimme der CSU-Stadtratsfraktion und als strenge und bekennende Katholikin schnell ihr Sprachrohr. Zu der Werbekampagne kam es bei Stadtratssitzung am 21. Juni 1955 zu einer sehr lautstarken Aussprache zwischen Dr. Erwin Hamm, dem Leiter der Verkehrsbetriebe und städtischen Bäder, und Centa Hafenbrädl. Es ging über die Werbung, deren Geschmack und das Wort „Sex“, denn Hafenbrädl hatte gemeint, die Werbung habe „zu wenig Geschmack und zu viel Sex“6. Obermbürgermeister Wimmer soll sich in diesem Streit während der Sitzung, obwohl er eine doch sehr laute Stimme hatte, schwer durchgesetzt haben. Schlussendlich wurde die Werbung nicht verlängert und Hamm konstatierte mit einem Augenzwinkern in einem Brief an Centa Hafenbrädl im Nachgang vom 30. Juni 1955: „Ich finde aber, dass Du mit der Anfrage in den Zeitungen so viel genannt worden bist, wie überhaupt noch nie, so dass Du mit dem Erfolg doch recht zufrieden sein kannst.“7

(StadtAM-DE-1992-NL-HAF-Quick-Nr. 27 vom 2. Juli 1955, S. 10)
Ob sie zufrieden war? Centa Hafenbrädl ging es um die Aufrechterhaltung der sittlichen Ordnung, einem Anliegen der Adenauerrestauration im Besonderen. Sie daher auf moralische Engstirnigkeit zu reduzieren, halte ich angesichts ihrer jahrzehntelangen Leistung für die sozialen Belange im Wiederaufbau Münchens und für die Rechte von Frauen zu verkürzt und ebenso engstirnig.
Auszeichnungen und Vermächtnis –
„Die Vernunft des Herzens überwindet oft den Verstand“ (B. Pascal)
1961 erhielt sie für Ihre Verdienste das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse. Zu ihrem 70. Geburtstag erhielt sie 1964 die Medaille „München leuchtet – den Freunden Münchens“ in Gold.
Aus Altersgründen trat sie am 8. April 1970 als Stadträtin zurück. Centa Hafenbrädl starb am 29. Dezember 1973 in Haar und wurde im Westfriedhof bestattet. Ihr nicht unerhebliches Vermögen, das die sie angespart hatte, ging zu einem guten Teil an caritative Einrichtungen bzw. an in diesem Bereich tätige Personen. Ihr Grab ist zwar 2003 aufgelöst worden, jedoch ist ihr Name auf dem Grabstein der Familie ihres Vetters Martin Hafenbrädl im Friedhof Pasing verewigt. Der „gestandenen CSU-Frau“8, wie Hildegard Hamm-Brücher sie in ihrer politischen Autobiographie nennt, hat die Stadt München eine nach ihr benannte Straße im Stadtteil Freiham gewidmet. Centa Hafenbrädl handelte nach dem Motto des französischen Philosophen Blaise Pascal (1623-1662) „Die Vernunft des Herzens überwindet oft den Verstand“, wie ihr Vetter Martin Hafenbrädl in einer Pressenotiz niederschrieb.9 Dieses Motto spiegelt sich nicht nur in ihrem politischen Wirken wider, sondern auch in ihrem persönlichen Leben. Die Sichtung und Aufarbeitung ihres Nachlasses ermöglicht es uns, ihre Lebensleistung angemessen zu würdigen und ihre Stimme in die heutige Zeit zu tragen.
- Vgl. StadtAM-DE-1992-PMB-H-6-Hafenbrädl-Franz-Xaver. ↩︎
- StAM-DE-1992-NL-HAF-Schreiben-Hafenbrädl-Centa-1946-ohne-Datum ↩︎
- 1952: Korreferentin des Sozialreferats; Hauptwohlfahrtsausschuss; Personalausschuss; Schulausschuss; Vertreterin im Nothilfeausschuss. Verwaltungsrätin: Direktorium A Säuglinge und Kleinkinder, Säuglingsschutz; Altersheim Heiliggeist; Kinderkrippe Adalbertstraße 106; Schulkinderspeisung; Schulgebäude Winthirplatz 6; Schulgebäude Südl. Auffahrtsallee 82; Schulgebäude Maria-Ward-Straße 1; 1956: Korreferentin des Sozialreferats; Personalausschuss; Sozialausschuss; Wirtschaftsausschuss; Verwaltungsrätin: Krankenhaus Pappenheimstraße; Alterheim Heiliggeist; Kinderkrippe Adalbertstraße 106; Schulgebäude: Maria-Ward-Straße 1; Südl. Auffahrtsallee 82; Winthirplatz 6; Vertretung: Verwaltungsrat Krankenhaus Oberföhring; Mädchenheim a.d. Hochäckerstraße 10; Hochbunker a. d. Quellenstraße u.a.d. Thalkirchner Straße Frauenherbergen; Schulgebäude: Institutstraße 4 (Pasing), Oselstraße 1; Schererplatz 3 ↩︎
- Vgl. StadtAM-DE-1992-NL-HAF-internationale Zeitungsausschnitte. ↩︎
- Vgl. StadtAM-DE-1992-NL-HAF. ↩︎
- StadtAM-DE-1992-NL-HAF. ↩︎
- StadtAM-DE-1992-NL-HAF-Schreiben Hamm an Hafenbrädl vom 30.06.1955. ↩︎
- Hamm-Brücher, Hildegard, Freiheit ist mehr als ein Wort. Eine Lebensbilanz. 1921-1996, Köln 1996, 116. ↩︎
- Vgl. StadtAM-DE-1992-NL-HAF. ↩︎