Was haben das Hippodrom, die Hexenschaukel und das Teufelsrad auf dem Oktoberfest mit der Filmsammlung des Münchner Stadtarchivs gemeinsam? Aufnahmen vom Oktoberfest? Das ist richtig, doch es gibt eine weitere Verbindung.
Sie führt zu einem Mann, der heute nur noch wenigen bekannt ist, obwohl er zu den frühen Pionieren des Films in München gehörte: Sein Name ist Carl Gabriel.

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Die Anfänge des Films
Die Geschichte des Films beginnt bereits einige Jahre vor den ersten öffentlichen Kinovorführungen. Einer der frühesten Wegbereiter war Louis Le Prince, der bereits 1888 kurze bewegte Filmaufnahmen drehte. Seine nur zwei Sekunden lange „Roundhay Garden Scene“ gilt als die älteste erhaltene Filmaufnahme der Welt. Eine wenig später entstandene Szene, „Traffic Crossing Leeds Bridge“, wirkt aus heutiger Perspektive besonders bemerkenswert, da sie keinerlei motorisierte Fahrzeuge zeigt.
1890 plante Louis Le Prince eine Reise nach New York, um dort seine Kamera und seine Filme zu präsentieren. Nach einem Besuch bei seinem Bruder in Dijon verschwand er jedoch auf der Weiterreise nach Paris spurlos. Trotz intensiver Suche blieb sein Schicksal ungeklärt; 1897 wurde er offiziell für tot erklärt. Seine Ehefrau vermutete später sogar eine mögliche Verwicklung Thomas Edisons, der ebenso an der Entwicklung einer Filmkamera arbeitete, in sein Verschwinden.
Den entscheidenden Durchbruch für das neue Medium Film brachten jedoch die Brüder Auguste und Louis Lumière. Mit ihrem Cinématographe präsentierten sie 1895 in Paris erstmals öffentlich bewegte Bilder vor zahlendem Publikum. Szenen wie Arbeiter, die eine Fabrik verlassen, oder ein einfahrender Zug faszinierten die Zuschauer und verbreiteten sich rasch in ganz Europa.
Carl Gabriel in München
Carl Gabriel zog erst 1894 nach München. Zuvor war er lange mit dem Zirkus seines Vaters unterwegs gewesen und arbeitete zunächst als Schausteller, später auch als Unternehmer. Mitten in der Stadt betrieb er das „Internationale Handelspanoptikum“, in dem auf rund 700 Quadratmetern „ceroplastische Kunstwerke, Porträts aus Wachs, historische und ethnologische Gruppen, zoologische und anthropologische Sammlungen sowie Naturalien, Gemälde und Antiquitäten“ präsentiert wurden.
Die bewegten Bilder der Brüder Lumière eröffneten jedoch eine völlig neue Form der Attraktion für Carl Gabriel. Er erkannte rasch das wirtschaftliche Potenzial dieses Mediums und reiste nach Paris, um dort eine Filmkamera und einen Projektor zu erwerben. Da die Brüder Lumière jedoch keine Geräte unmittelbar verfügbar hatten, verwiesen sie ihn nach Wien, wo entsprechende Apparaturen sowie ein ausgebildeter „Operateur“ erhältlich seien. Gabriel setzte sich umgehend in den Zug nach Wien und erwarb dort – ohne zunächst nach München zurückzukehren – sowohl die benötigten Geräte als auch den dazugehörigen Vorführer.
Zunächst zeigte er fremde und eigene Filme in einem Wanderkino. Bereits 1907 eröffnete er jedoch in der Dachauer Straße eines der ersten festen Lichtspielhäuser Münchens unter dem Namen „The American Bio.-Cie.“. Dieses Kino existierte – später unter dem Namen Gabriel Filmtheater – bis 2019. Es folgten 1910 die Museums-Lichtspiele sowie 1913 die Sendlinger-Tor-Lichtspiele.

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Filmische Zeugnisse aus erster Hand
Von besonderem historischem Wert sind heute die von Carl Gabriel selbst produzierten Filmaufnahmen. Erhalten geblieben sind Szenen aus dem Münchner Alltagsleben, Aufnahmen von Staatsempfängen sowie kurze Porträts bekannter Persönlichkeiten. Besonders hervorzuheben sind Filmporträts der Schriftsteller Klaus und Heinrich Mann sowie des Malers Lovis Corinth.

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Ein weiteres bemerkenswertes Dokument ist die filmische Aufnahme des 100-jährigen Jubiläums des Infanterie Leibregiments mit König Ludwig III. im Juni 1914. Kurz zuvor waren in Sarajevo Erzherzog Franz Ferdinand und seine Gemahlin ermordet worden. Als Zeichen der Trauer tragen Ludwig III. und seine Begleitung schwarze Armbinden. Dennoch wird das Regimentsjubiläum gefeiert – ohne dass die Anwesenden ahnen konnten, dass wenige Wochen später der Erste Weltkrieg beginnen würde.



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Völkerschau und Fahrgeschäfte
Zahlreiche weitere Aufnahmen zeigen Szenen vom Münchner Oktoberfest. Das überrascht kaum, denn Gabriel war auf der Wiesn nicht nur mit der Kamera unterwegs, sondern auch als Schausteller präsent. 1901 präsentierte er auf dem Oktoberfest die sogenannte Exotenshow „Das Beduinenlager“, einige Jahre später folgte „Das Sudanesendorf“. Später kamen weitere sogenannte Völkerschauen hinzu, darunter Darstellungen von Angehörigen des Sara-Kaba-Stammes sowie eine „Polarschau“. Solche Präsentationen galten damals als populäre Sensationen, werden heute jedoch als Ausdruck kolonialer und rassistischer Vorstellungen sehr kritisch bewertet.

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Weniger problematisch und bis heute bekannt sind hingegen einige von Gabriel präsentierte Fahrgeschäfte, darunter das Hippodrom, die Hexenschaukel und das Teufelsrad.
Carl Gabriel produzierte und zeigte Filme bis in die späten 1920er Jahre. 1931 starb er in München.
Filmisches Erbe
Nach seinem Tod gelangte sein filmischer Nachlass schließlich in öffentliche Hände. Die Schenkung seines Filmbestandes bildete den Grundstein für eine neue Sammlung im Stadtarchiv München. Aus diesem Bestand entwickelte sich im Laufe der Zeit die Filmsammlung des Archivs – eine Institution, die heute zahlreiche historische Filmaufnahmen aus München bewahrt, restauriert und der Öffentlichkeit zugänglich macht.