Wie kommen die Löcher ins Papier? Eine kurze Kriminalgeschichte aus dem Stadtarchiv

Was auf den ersten Blick wie ein Spitzendeckchen erscheint, erweist sich als ein amtliches Schreiben aus einer Akte, dessen Papier viele kleine Löcher und Fehlstellen aufweist. Oh je, da muss wohl ein gefräßiger Täter ermittelt werden. Sofort wird eine engmaschige Ringfahndung eingeleitet …

Schäden in den Unterlagen!

Im gesamten Archiv werden über 300 kleine Papierfallen verteilt. Außerdem werden noch Papprollen mit Katzenleckerlis, Geschmacksnote Huhn, versehen und als Lockmittel aufgestellt. Die Türschwellen werden mit gelben Klebestreifen gesichert, womit auch ab und zu ein paar Kollegen als Beifang in die Falle gehen. Um dem mafiösen Ring weitere Einschleusungen zu erschweren, kommen alle Neuzugänge fürs Archiv erst einmal in Quarantäne und werden stichprobenartig gesichtet, bevor sie ins Magazin gehen und bei schweren Verdachtsfällen sogar eingefroren.

Ungeziefer-Falle

Nach einer Observationszeit von drei Monaten werden die Papierfallen und von der Spurensicherung unter das Mikroskop gelegt. Es finden sich allerlei „Tatverdächtige“ in den Fallen. Da schaut ein großer Dickmaulkäfer die Fahnderinnen treuherzig an. Sein Blick sagt: „Nein, ich wars nicht“. Auch das kleine Springschwänzchen weist alle Schuld vehement zurück. Verdächtiger ist da schon der Brotkäfer, der schon ein fettes Vorstrafen-Register aufweist.  Der beteuert, er hätte sich nur an einem liegen gelassen Keks vergriffen, der doch viel schmackhafter als Papier sei, was er aber zur Not auch nähme. Durch die Analyse der Spuren des Tatwerkzeuges kann er entlastet werden.

Doch – was glitzert hier? Ein kleiner urzeitlicher Ritter im silbernem Chitinpanzer mit borstigem Schnurrbart und langen Antennen schaut die Ermittler grimmig an. Diese werden in der Verbrecherdatenbank schnell fündig. Hier handelt es sich um einen dicken Fisch, den Ctenolepisma longicaudata, gemeinhin auch als „Papierfischchen“ bezeichnet. Das Papierfischchen fühlt sich im Milieu der Archivalien pudelwohl, im Gegensatz zu seinen Verwandten, dem Silberfischchen, das feuchtere Klimazonen bevorzugt.

Der Übeltäter – ein Papierfischchen

Wo sich ein Papierfischchen findet, können sich noch viele weitere im Untergrund verbergen. Deshalb wird eine IPM (Integrated Pest Management)-Sondereinheit ins Leben gerufen, die sich der Gefahrenabwehr verschreibt. Als externer Berater wird ein Schädlingsexperte dazu bestellt. Nun geht es darum, alle Zugriffsmöglichkeit auf das wertvolle Kulturgut zu unterbinden. Die flinken Täter sind gute Kletterer und lieben es, Wände und Ritzen zu erklimmen, um an das begehrte Futter zu kommen. Doch glatte Metallflächen können sie nicht überwinden, deshalb ist Archivgut in Regalen sicher vor ihnen. Aber wehe, Kartons werden auf dem Boden abgestellt oder befinden sich im Kontakt mit Wänden – sie werden leicht Opfer der gefräßigen Gesellen.

Aber nicht nur Archive und Museen infiltriert die Papierfischchen-Mafia, sie fühlt sich auch immer mehr in privaten Haushalten und Büros wohl, schleicht sich hinterhältig durch Paketsendungen, Hygienepapiere und Druckerpapiere ein.

Haben die Papierfischchen erst einmal ein Terrain erobert, geben sie es nicht mehr so leicht auf. Die IPM-Sondereinheit hat zwar einzelne Täter gefasst, doch den operierenden Ring kann sie nicht zur Gänze zerschlagen. Also bemüht sie sich um Schadensbegrenzung, denn die Tierchen finden auch die kleinsten Schlupflöcher. Einen Joker haben sie noch im Ärmel – den Kälteschock mit minus 20° C über einige Tage in der Gefriertruhe überleben die kleinen Räuber nicht. Zu guter Letzt können noch Giftköder ausgebracht werden. Es bleibt spannend …

Literatur
Prävention und Behandlung von Schädlingsbefall in Archiven. Empfehlungen der Konferenz der Leiterinnen und Leiter der Archivverwaltungen des Bundes und der Länder (KLA), 2016

2 Gedanken zu „Wie kommen die Löcher ins Papier? Eine kurze Kriminalgeschichte aus dem Stadtarchiv

  1. Sehr geehrte Frau Eisenhofer,
    als langjähriger Nutzer des Stadtarchivs und Stadtteilhistoriker (Publikationen über Neuhausen, Giesing, Bogenhausen, Trudering und Schwabing) interessiert mich besonders der Verbleib bzw. der Stand der Restaurierung des Foto-Nachlasses Aigner – etwa 5-7- Fotoalben, aus dem Zeitraum von ca. 1870 bis. ca, 1930 (?), beschädigt durch Nässe und Schimmel -, der vor etwa 10 Jahren dem Stadtarchiv zufiel und mir und einer Gruppe von Interessierten seinerzeit von Herrn Löffelmann M.A. bei einer Archiv-Führung zur Einsicht zugänglich gemacht wurden.
    Wie weit ist die Restaurierung gediehen. Kann schon wieder einsicht genommen werden?

    • Die Alben im Nachlass Aigner hatten alle Schimmelbefall (Flecken noch sichtbar), sind aber bereits gereinigt und vorlegbar. Eine Einschränkung besteht lediglich bei zwei Alben, bei denen die Bindung leicht beschädigt ist. Die Alben können aber bei vorsichtiger Handhabung mit Buchkissen im Lesesaal vorgelegt werden. Wenn Sie die Alben im Lesesaal einsehen wollen, vereinbaren Sie bitte mit dem zuständigen Sachbearbeiter Herrn Löffelmeier einen Termin (Mail: anton.loeffelmeier@muenchen.de; Tel. 233-30803).

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