„Irrläufer“ in der Fotosammlung des Stadtarchivs München

Vor etlichen Jahren fiel in unserer Fotosammlung in einer mit „Post“ beschrifteten Mappe ein Umschlag mit Fotos auf, die nicht so recht zum Thema passten. Große Bereiche der Fotosammlung waren damals noch nach einem Schlagwortsystem geordnet, das in den 1960er Jahren nach dem Vorbild von Pressebildarchiven angelegt worden war. Das System war darauf ausgerichtet gewesen, zu möglichst jedem beliebigen Schlagwort schnell eine irgendwie passende Illustration zu finden. Dass dadurch Fotoserien auseinandergerissen wurden und merkwürdige Zuordnungen und Kombinationen entstanden, sah man nicht als Manko an. Doch nur im Kontext des Entstehungs- oder Sammlungszusammenhangs lassen sich Fotos als wichtige historische Quellen lesen und interpretieren. Einzelne Nachlässe und Sammlungen wurden deshalb seit Anfang der 1980er Jahre aus dem riesigen Sammelbestand rekonstruiert. Der verbliebene Teil wurde neu geordnet und systematisiert in einen Stadtbild-, einen Personen- und einen Ereignisbestand, die dann in einer ersten elektronischen Datenbank erfasst wurden.

Die Fotos aus der Mappe „Post“ zeigten Aufnahmen von zerstörten Redaktionsräumen der Zeitung Münchener Post, einer sozialdemokratischen Tageszeitung, die seit 1886 wöchentlich und seit 1888 täglich erschien.

Münchener Post
Zerstörte Redaktionsräume der Münchener Post. Foto: unbekannt; DE-1992-FS-WREP-0014

Die Aufnahmen hatten mit der Deutschen Bundespost und ihren Vorläufern also nichts zu tun. Der Umschlag um die hier besprochene Fotoserie war beschriftet mit: „Münchner Post. Zerstörung 1933, aus Nachlass Th. Wimmer, umseitig seine handschriftl. Notizen.“

Umschlag
Originalumschlag der Fotos aus dem Nachlass von Thomas Wimmer

Und weiter auf der anderen Seite: „Adolf Gerstmayer, Winthirplatz 3 / III. Stock. Blieb (  ?  ) im Arbeitsamt bis 1944; am 19.7.44 durch Fliegerbombe gestorben.“

Nun war es ein leichtes, die Fotos neu den Tagen der Machtergreifung im März 1933 in München zuzuordnen. Dass SA-Männer damals die Redaktionsräume der Münchener Post plünderten und zerstörten ist durch eine Außenaufnahme des Hauses überliefert.

Münchener Post
Von der SA besetztes Redaktionsgebäude der Münchner Post am Altheimer Ecke, 10. März 1933. Foto: unbekannt; DE-1992-FS-NS-0069

Gleichzeitig erschloss sich die Überlieferungsgeschichte der Fotos, die mit dem Nachlass des populären Nachkriegsoberbürgermeisters Thomas Wimmer in das Stadtarchiv gekommen. Thomas Wimmer saß seit 1925 als Sozialdemokrat im Münchner Stadtrat und arbeitete im Münchner Arbeitsamt. Die Fotos waren ihm offensichtlich von einem Kollegen übergeben worden.

Mit dieser Zuschreibung sind die Fotos dann auch veröffentlicht worden, beispielsweise noch 1993 im Katalog zur Ausstellung „München – Hauptstadt der Bewegung“ (S. 246). Doch kurze Zeit darauf machte uns ein Benutzer auf einen Zeitungsausschnitt aus der Münchener Post vom 27. November 1923 aufmerksam, der unter dem Titel „Im Zeichen des Hakenkreuzes“ in einem Bildbericht die Zerstörungen in den Räumen der Münchener Post durch die Nationalsozialisten in der Nacht vom 8. zum 9. November 1923, also zur Zeit des Hitlerputsches, beschrieb.

Zeitungsausschnitt
Artikel aus der Münchener Post vom 27. November 1923.

Die Druckverfahren in den frühen 1920er Jahren ließen es noch nicht zu, Fotos auf dem relativ schlechten Zeitungspapier in angemessener Qualität abzudrucken. Deshalb behalf man sich häufig – wie auch bei diesem Artikel – mit Xylographien, also Holzschnitten, die nach dem Vorbild von Fotos hergestellt und dann gedruckt wurden. Die veröffentlichten Holzschnitte waren eindeutig nach den Fotos aus dem Nachlass Wimmer angefertigt worden.

Und so war es einmal wieder (und nun zum letzten Mal) notwendig, die Fotos einem anderen historischen Kontext und einem anderen Bestand in der Sammlung zuzuordnen. Die Fotos liegen heute im Sammelbestand zur Weimarer Republik in der Mappe mit der Signatur DE-1992-FS-WREP-106. Einige Aufnahmen sind digitalisiert und in unsere Online-Datenbank eingebunden.

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