Immer wieder gibt es in Familien blinde Flecken über Vorfahren, von denen die Angehörigen jahrzehntelang nichts wissen. Oft liegen die Lösungen in den Regalen von Archiven. Bei einer bekannten Schauspielerfamilie konnte mit Hilfe des Stadtarchivs München Licht ins Dunkel gebracht werden. Die Journalistin Petra Cichos lüftete durch einen Zufallsfund im Stadtarchiv ein solches Geheimnis zu dem Schauspieler Will Dohm, dem Vater der Schauspielerin Gaby Dohm, bekannt aus zahlreichen Fernsehproduktionen der 1980er und 1990er Jahren. In einem Gespräch mit Ulrike Claudia Hofmann, Archivarin im Stadtarchiv, gibt sie Einblicke, wie sie auf bisher unbekannte Tatsachen gestoßen ist.
Was hat sie vor drei Jahren ins Stadtarchiv geführt und wie kam es zu diesem Zufallsfund?
Eigentlich war ich auf der Suche nach Dokumenten zu Johannes Heesters. Ich wollte seine Rolle in der Zeit des Nationalsozialismus beleuchten. Mir fiel zufällig eine Akte des Kulturamtes über die Kammerspiele in die Hände. Darin befand sich ein unscheinbarer Schriftwechsel von Will Dohm aus dem Jahr 1935. Er war zu dieser Zeit an den Kammerspielen engagiert.

Foto: Georg Schödl; Signatur: DE-1992-FS-PER-D-0210-01
Und was machte diesen Schriftwechsel im Vergleich zu den anderen Dokumenten in dieser Akte so außergewöhnlich?
Er offenbarte eine Tatsache, die bisher in der Biografie von Will Dohm nicht auftaucht. Bevor er seine Schauspielerkollegin Heli Finkenzeller heiratete, war er in erster Ehe mit einer jüdischen Frau namens Susanna Gutherz verheiratet.

Signatur: DE-1992-KULA-0217
Es erscheint merkwürdig, dass diese Tatsache über Jahrzehnte nicht ans Licht kam. Eine christlich-jüdisch Ehe war damals nicht ungewöhnlich. Auch Heinz Rühmann war mit einer jüdischen Frau in erster Ehe verheiratet.
Ja. Bei Heinz Rühmann ist das bekannt. Im Gegensatz zu ihm wurde es bei Will Dom nie publik. Wenn man diesen Schriftwechsel in der Akte des Stadtarchivs liest, erscheint er nicht im besten Licht. In der Akte findet sich ein Vorgang über die persönlichen Verhältnisse u.a. auch des Schauspielers Dohm. Die nationalsozialistische Organisation Kraft durch Freude teilte Anfang 1935 dem Münchner Kulturamt und dem Stadtrat Reinhard mit, dass eine künftige Zusammenarbeit mit den Kammerspielen nur stattfinden kann, wenn sich Will Dohm von seiner jüdischen Ehefrau scheiden lässt. Dohm bat um eine offizielle Bescheinigung, dass der Stadtrat diese Scheidung wünscht.

Signatur: DE-1992-KULA-0217
Ist überliefert, dass Will Dohm versucht hat, diese Scheidung abzuwenden?
Nein. Im Gegenteil. Das städtische Kulturamt suchte im Januar 1935 das persönliche Gespräch mit Dohm, und der Schauspieler räumte ein, dass er sich gerne scheiden lassen würde. Das Problem sei die widerspenstige Familie der Frau. Dieser unterstellte Dohm, sich finanzielle Vorteile sichern zu wollen. Eine offizielle Bestätigung, dass nur eine Scheidung ihm ernstliche Folgen erspart, würde ihm sehr helfen. Inwiefern das glaubwürdig war, erscheint fraglich, wenn man bedenkt, dass seine Frau Susanna Gutherz aus einer gutsituierten Dresdner Familie stammte. Die Bescheinigung bekam er nicht. Dennoch meldeten im November 1935 die Kammerspiele, dass Dohm nunmehr geschieden sei. Seine Frau Susanna Dohm durfte schon Monate davor die Kammerspiele nicht mehr betreten.

Signatur: DE-1992-KULA-0217
Nachdem Sie diese Geschichte gefunden hatten, haben Sie sich damit nicht zufriedengegeben und machten sich auf die weitere Suche.
Ich wollte nicht nur tiefer zu Will Dohm, sondern vor allem zu dem Schicksal von Susanna recherchieren. Ich suchte weiter im Stadtarchiv, im Staatsarchiv München, in Dresden und das Schicksal von Susanna und ihrer Familie führte mich bis in die USA. Noch habe ich nicht auf alle Fragen Antworten erhalten.
Könnten Sie kurz skizzieren, wie es mit Susanna, die zum katholischen Glauben konvertiert war, weiterging?
Über einen Umweg nach Rottach ging sie zu ihren Eltern nach Dresden zurück. In Dresden konnte ich einiges über ihre gutbürgerliche und wohlhabende Familie recherchieren. Susannas Schicksal lässt sich bis zum Ende am 30. September 1942 in Ausschwitz nachverfolgen, wo sie mit 39 Jahren ermordet wurde. Ihre Geschwister überlebten und stellten für sie in München nach dem Krieg einen Antrag auf Wiedergutmachung.
Und Will Dohm machte Karriere und heiratete erneut.
Nach seiner Scheidung feierte Dohm als Schauspieler große Erfolge, ging für ein Paar Jahre nach Berlin. 1937 heiratete er seine Kollegin Heli Finkenzeller. Mit ihr bekam er zwei Kinder, u.a. die Schauspielerin Gaby Dohm. Er kehrte nach dem Krieg nach Bayern und München zurück, wo er 1948 verstarb.

Foto: Erika Groth-Schmachtenberger; Signatur: DE-1992-FS-NL-GRO-484-001
Für viele wäre damit die Geschichte abgeschlossen.
Für mich nicht. Wie gesagt, ich habe Kontakte mit Nachfahren der Familie auch in den USA aufgenommen. Hier warte ich noch auf Antworten. Leider konnte ich auch nicht alle Fragen zu Will Dohm klären. Offen ist z.B.:
War die Angelegenheit mit seiner Frau Susanna Bestandteil eines Spruchkammerverfahrens? Wie wurden er und Heli Finkenzeller entnazifiziert? Im Staatsarchiv München ist keine Spruchkammerakte überliefert.
Hatte er Kinder mit Susanna, über die bisher nichts bekannt geworden ist?
Gibt es Informationen zum Scheidungsverfahren?
Existieren noch weitere Unterlagen zur Heirat mit Heli Finkenzeller?
Nachdem Sie mich auf diesen Fall aufmerksam gemacht haben, habe ich versucht, im Stadtarchiv nochmals die Spur von Will Dohm aufzunehmen – und zwar abseits der Überlieferung zu ihm als bekannten Schauspieler. Und ich konnte weitere Informationen finden, die manche Fragen beantworten oder die möglicherweise Ihre Recherchen abrunden:
Neben der Heiratsurkunde von Will und Susanna sind die dazugehörigen Aufgebotsunterlagen im Stadtarchiv überliefert. Und diese enthalten einige Überraschungen. Darin finden sich Informationen über Susannas Eltern, über ihren Übertritt zum christlichen Glauben. Und, das ist besonders spannend, sie enthalten das Scheidungsurteil von 1935. Daraus gehen auch private Umstände über die Scheidung der beiden hervor.
Zusätzlich ist die Einwohnermeldekarte von Will Dohm sehr aufschlussreich. Diese belegt, dass Will und Susanna Dohm offensichtlich keine Kinder hatten. Sie beinhaltet auch weitere Hinweise zu Susannas Wohnorten nach ihrer Scheidung. Und von Will und Heli erfahren wir, dass beide nicht in München, sondern in Berlin heirateten. Außerdem ist auf der Karte nachgetragen, wo die beiden in Berlin lebten und wann sie nach München zurückgekehrt und von dort wieder weggezogen sind. 1947 hat sich das Ehepaar nach Rückersdorf in Mittelfranken abgemeldet.

Signatur: DE-1992-EWK-65-D-884
Nachdem es im Staatsarchiv München keine Entnazifizierungsakten zu den beiden gibt, kommt den Daten auf der Einwohnermeldekartei besondere Bedeutung zu. Denn dort ist vermerkt, in welche Gruppe das Ehepaar bei seiner Entnazifizierung eingestuft wurden. Will Dohm galt mit Gruppe 5 als entlastet, Heli Finkenzeller mit Gruppe 4 als Mitläuferin.
Durch diese Recherche und Spurensuche, die im Stadtarchiv München begonnen hat, kann verhindert werden, dass die Erinnerung an Susanna Gutherz verloren geht. Archive sind somit weit mehr als Dienststellen einer öffentlichen Verwaltung. Sie tragen auf vielfältige Weise dazu bei, nachträglich den Verfolgten und Ermordeten des Nationalsozialismus zumindest in Ansätzen ein Gesicht zurückzugeben.
Wenn Sie noch weitere Details über die Recherche von Petra Cichos insbesondere zum Schicksal von Susanna Dohm erfahren möchten, oder es Sie interessiert, was Gaby Dohm zu diesem Familiengeheimnis sagt, können Sie dies in folgendem Artikel von Petra Cichos nachlesen:
https://www.berliner-zeitung.de/article/vertuscht-verdraengt-das-dunkle-familien-geheimnis-der-film-legende-will-dohm-10038110

Petra Cichos ist freie Journalistin und Autorin. Sie schreibt auf Archiv-Material gestützte Buchdokumentationen zu zeitgeschichtlichen Ereignissen und Persönlichkeiten.
Ein schmerzhafter Verrat von eigenen Ehemann! Die Ohnmacht der Verfolgten, heute kann das man nachvollziehen.
Gut, dass sich heute immer noch Menschen gibt die sich darum kümmern.